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Sprachlos statt zahllos

Die optimale Anzahl von Attributen im Berichtswesen ist null. Zumindest dann, wenn sie wertend sind, ein Superlativ oder polemisch. Das ist schneller der Fall, als man denkt.

Neben der routinemäßigen Berichterstattung fühlt sich das moderne Controlling aufgefordert, dem Management auch beratend zur Seite zu stehen. Die Folge sind individuelle Berichte, die den Chartbänden der großen Strategieberatungen ähnlich sind. Sie tragen einen „Action Title“, der eine Bewertung, eine Warnung, eine Schlussfolgerung oder eine Handlungs­empfehlung beinhalten sollte. Denn nur dann wird die Folie als Beratung verstanden. Der eigentliche Inhalt des Reports dient dann der Beweisführung und untermauert, was in der Überschrift zu lesen war. Spätestens in einem solchen Szenario stellen sich dem Controlling Fragen zur Sprache. Darf, soll, muss eine Zahl von einem wertenden Attribut begleitet werden? Immerhin hat Beratung auch mit Urteil und damit Wertung zu tun.

Attribuierung Zahl Quelle
„Gewinn bricht ein“ -71,4 % [1], S. 21
„Gewinn stark gesunken“ -32 % [2], S. 18
„Gewinn sinkt deutlich“ -32 % [2], S. 18
„Gewinn deutlich zurückgegangen“ -14 % [1], S. 17
„Umsatz auf Talfahrt“ -12 % [2], S. 18
„beispielloser Absturz der Steuereinnahmen“ -8,8 % [3], S. 3
„Aktie mit sattem Plus“ +8 % [2], S. 14
„ansehnliches Quartalsergebnis“ +29 % [2], S. 21

So wertet die Wirtschaftspresse – wollen wir das? Im Controlling auf keinen Fall. (Quellen: [1] Süddeutsche Zeitung vom 24.07.2009, [2] Handelsblatt vom 24.07.2009, [3] Handelsblatt vom 13.07.2009.)

Ein Blick in die Tageszeitungen von heute (24. Juli 2009) bestätigt einmal mehr: Die Presse beantwortet diese Frage regelmäßig mit Ja. Und setzt sich damit ebenso regelmäßig dem Vorwurf aus, die Auflage und nicht die sachliche Information im Blick zu haben. Heute wird wieder kollabiert, zu Tal gefahren, frei gefallen, dramatisch gesunken, beispiellos abgestürzt. Positives hingegen wird zurückhaltend kommentiert.

Schon vor gut einer Woche ließ mich diese Überschrift stutzen: „Steuereinnahmen kollabieren“ (Handelsblatt Nr. 131, 13.07.2009, S. 3). Im Artikel war zu lesen, dass der Finanzminister und seine Länderkollegen im Juni einen „beispiellosen Absturz“ ihrer Einnahmen erleben: „Im abgelaufenen Monat nahm der Staat 8,8 % weniger Steuern ein.“ Na ja, wie die beistehende Grafik dann zeigte, liegt die Steuerschätzung für 2009 auf einem Niveau zwischen 2006 und 2007, beides eher starke Jahre. Ein Kollaps ist eine ernste Sache. Der Kreislauf bricht zusammen. Man fällt in Ohnmacht und braucht schnell einen Arzt. Ob das bei rund 9 % geringeren Steuereinnahmen der Fall ist?

Ärzte übrigens haben ein ähnliches Problem wie wir. Auch sie attribuieren. Für die Beipackzettel von Medikamenten ist das amtlich festgelegt. Das numerische Risiko von Nebenwirkungen wird wie folgt codiert. Wird es dadurch klarer? Ich finde, ganz im Gegenteil.

Sehr häufig Mehr als 1 Behandelter von 10
Häufig 1 bis 10 Behandelte von 100
Gelegentlich 1 bis 10 Behandelte von 1.000
Selten 1 bis 10 Behandelte von 10.000
Sehr selten Weniger als 1 Behandelter von 10.000

So wertet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – auch darauf könnten wir verzichten.

Wie halten wir es nun im Controlling? Ich finde, es geht uns ähnlich wie beim Studium des Beipackzettels. Welche Vorstellung haben wir, wenn von sehr häufig, häufig, gelegentlich, selten, sehr selten die Rede ist? Welcher Vorteil ergibt sich daraus, nicht die bekannte und belegbare Zahl zu nennen? Ebenso verhält es sich, wenn etwas stark, deutlich, erheblich, entscheidend, signifikant, gewaltig, dramatisch, explosionsartig, beispiellos steigt oder fällt. Es ist ja gerade der Luxus des Controlling, über konkrete Zahlen zu verfügen, wo andere nur mutmaßen müssen. Wenn von 30 % Prozent Veränderung berichtet wird, verstehen wir alle dasselbe darunter. Das ist bei wertenden Attributen nachgerade nicht so. Die Leistung des Controllers besteht darin, das Nötige zusammenzutragen und sicherzustellen, dass die Verifikation auch dem Leser gelingt.

Dieser Auffassung mag auch der Chef von TAG Heuer gewesen sein. In einem Interview wehrte sich Jean-Christophe Babin gegen die schnodderige Unterstellung, seine Branche habe zuletzt „immer weniger Kunden überzeugen“ können – mit Zahlen:

Sie kennen die Statistiken des Schweizer Uhrenexports. Es geht ja noch. Minus 30 Prozent heißt in unserer Branche: Wir sind wieder auf dem Niveau von 2006, und das war ein Jahr, in dem es der Branche sehr gut ging.

Fazit: Wer seine Fakten beisammen hat und sie zu interpretieren weiß, der nennt seine Zahlen und ersetzt sie nicht durch Polemik.

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