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Man kann keinen Fisch in ein iPad wickeln

iPhone, iPod und iPad finde ich klasse. Dass deswegen das Ende des Papiers eingeläutet ist, wie man in der Zeit behauptet*, und als erstes die Printmedien untergehen, halte ich jedoch für Unsinn. Ein digitales Plädoyer für analoge Medien.

Letztes Wochenende bei Tante Lisbeth: An der Wand hingen zwei Bilderrah­men voller Fotos aus Ostpreußen. Wer damals eine Kamera hatte, konnte damit umgehen. Die Komposition der meisten Fotos war berauschend. Tante Lisbeth holte die Rahmen von der Wand, staubte sie ab und wir studierten die Fotos. Ihre Mutter hatte sie bei der Flucht übers Haff in ihrer Handtasche mitgetragen. Papier ist zart und dünn. Aber es überlebt Weltkriege. Dateien überleben manchmal nicht einmal das nächste Softwareupdate. Dass sich meine Enkel in 70 Jahren über meine Sammlung digitaler Fotos beugen, halte ich jedenfalls für unwahrscheinlich. Papier wird mit uns alt und sogar älter.

Traffic News to go, Ausgabe 04, März/April 2010.
Wir gratulieren der Traffic – News to go: In einer Zeit, in der andere einpacken, werden manche als „Newcomer des Jahres“ bei den Lead Awards ausgezeichnet. Wir haben gleich mal für ein halbes Jahr die Rückseite gebucht.

Ich reise weder ohne Laptop noch ohne Zeitung. Gut so. Beim letzten Anflug auf Nürnberg war ich mir sicher, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Alles Elektronische war bereits verboten. Also packte ich die Zeitung noch mal fester, las unbeirrt weiter und landete dann doch überraschend sanft. Meine Lektüre bekam neuen Sinn, rettete mich über die dröge Warterei, bis der Bus kommt, und über die Busfahrt selbst. Eine Zeitung stürzt nie ab, hilft aber dann, wenn man selbst meint abzustürzen. Und ist auch beim Start unbedenklich. Papier gibt Halt, immer, sofort und überall.

Ich weiß nicht mehr, was uns darauf brachte, aber mein Vater bemerkte un­längst, dass er nur in einer Zeitung Artikel zu Themen liest, auf die er selbst nie gekommen wäre. Warum? Weil sie neben den Artikeln stehen, wegen denen er diese oder jene Seite ursprünglich aufgeschlagen hatte. Googelnder Weise wäre ihm das noch nie so ergangen. Eine gute Zeitung ist so bunt wie unsere Welt. Und auf demselben Raum viel bunter als das Internet. Papier inspiriert.

Meine letzte Digitalkamera hielt vier Wochen. Versuche, mich an ein balzen­des Möwenpaar heranzurobben, haben damit etwas zu tun. Jedenfalls knirscht seitdem die Objektivmechanik. Die Kamera landete unrepariert in einer Schub­lade. Das Display war mir schon lang ein Dorn im Auge. In der Sonne war es kaum zu benutzen. Also dann, wenn viele Motive besonders schön sind. Wie ist das mit dem Display des iPad? Meine Sonntagszeitung macht mir auch am Sandstrand Spaß, sogar leichtem Nieselregen hält sie stand. Und sie ist sonnenbrillenkompatibel. Papier ist immer ablesbar.

In einer Museumsbuchhandlung stieß ich auf eine besondere Ausgabe von Kafkas Hungerkünstler. Der Grafiker Jürgen Schlotter hat sie gestaltet und bekam mehrere Preise dafür. Das Schriftbild interpretiert den in sich zerrissen­en Protagonisten der Erzählung. Dafür schnitzte Schlotter die Buchstaben des Alphabets rau und kantig in Linol, machte daraus eine Schriftart und setzte den Text damit. Das Layout des Buches, seine Typographie, der Einband, all das schafft bibliophilen Genuss, der nicht digitalisierbar ist. Mir fällt mein viel zu früh verstorbener Deutschlehrer Kling ein: „Inhalt und Form ergeben den Gehalt.“ Ein Buch ist mehr als sein Inhalt. Bekomme ich nur seinen Inhalt, fehlt mir etwas. Darum wurde auch aus Bellas Blog ein Buch und nicht umge­kehrt. Die damit verbundene Mühe bewies: Wer sein Metier nur elektronisch beherrscht, beherrscht es nicht zur Gänze. Papier kann man anfassen.

Der Finanzvorstand einer Schweizer Traditionsbank bekommt von seinem Controlling jeden Morgen einen kompakten Bericht im Format DIN A3. Den heftet er hinter seinem Schreibtisch an die Wand. Der Bericht ist eng bedruckt mit allen relevanten, aktualisierten Zahlen. Auf dem Monitor auf seinem Schreib­tisch fänden all die Zahlen nur hintereinander Platz. So groß ist der Auflösungsunterschied zwischen Monitoren und Papier. Papier hat Platz. Für Zahlen, Daten, Ideen.

Meines Wissens hat die Welt als erste deutsche Tageszeitung am 16. März 2010 einen ersten Versuch mit Sparklines bewerkstelligt. Sie hält sich dabei nicht an alle Tugenden von Bellas Sparkline-Duden. Aber der Versuch beweist: So schön werden Sparklines an Bildschirmen vielleicht niemals werden. Wiederum ist es der Auflösungsunterschied, an dem das hängt. Wenn die Printmedien hier ihre Vorteile erkennen, haben sie eine lange, lange Zukunft vor sich. Papier jedenfalls hat Zukunft.

Daher wird Papier noch eine Weile bleiben, was es schon lange ist: der Benchmark für alles, was wir auf Monitoren tun.

* Die Zeit, Nr. 6, 04.02.2010, Seite 21.

Dienstag, 29. September 2015

Ein Buch!

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Farben machen froh, weniger tun es ebenso


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