Vergleichsarten II – Vermeiden Sie visuelles Pathos

Kreative Datenanalyse setzt die Kenntnis verfügbarer Instrumente voraus. Die Grundtypen des Vergleichs, wie sie Zelazny beschreibt, hatte ich kürzlich vorgestellt. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Vergleichsarten.

Räumliche Vergleiche Sehr häufig begegnet man dem räumlichen Vergleich mithilfe von kartografischen Darstellungen. Der Aufmerksamkeitswert ist hoch, die Verwendung aber schwierig. Landkarten benötigen viel Raum, die Platzierung von Werten und Beschriftungen auf den zugehörigen Flächen ist häufig problematisch. Die unterschiedliche Größe der dargestellten Länder, Bezirke usw. verführt das Auge zu dem Schluss, dass die größte Fläche auch die wichtigste ist.

Daraus machen sogenannte Kartogramme* eine Tugend, indem sie Ländergrenzen so manipulieren, dass die entstehenden Flächen proportional zur dargestellten Messgröße (z. B. Einkommen, Bevölkerung, Wahlergebnisse) sind. Das funktioniert bei Weltkarten ganz ordentlich, weil man die geografische Form der Länder und Kontinente gut kennt. Bei Postleitzahlgebieten hingegen muss man die ursprüngliche, geografische Fläche der neuen Fläche gegenüberstellen, um den Unterschied zu erkennen. Dass das Auge im Vergleich von Flächengrößen nicht gut ist, wissen wir bereits.

Darstellung der Landflächen (Welt)
Landflächen (Quelle: worldmapper.org)

Darstellung der Bevölkerung (Welt)
Bevölkerung (Quelle: worldmapper.org)

Auch normale Landkartendarstellungen liefern nur unter bestimmten Bedingungen einen analytischen Mehrwert:

  1. Die betrachteten Variablen sind räumlicher Natur. Entfernung, Ausbreitung, Erreichbarkeit, Gelände, Verkehrserschließung sind Aspekte der Betrachtung. Das ist bei Businessgrafiken, die lediglich die Umsatzverteilung nach Ländern zeigen, nicht der Fall.
  2. Räumliche Nachbarschaft liefert eine zusätzliche Aussage, die in einer Tabelle verloren gehen würde. Ein Beispiel wären Käuferwanderungen in Nachbarländer aufgrund gestiegener Tabak‑ oder Benzinsteuern („Tanktourismus“).
  3. Die genaue Lage der Länder oder Bezirke soll den Nutzern nochmals in Erinnerung gerufen werden, z. B. um die regionale Nähe zu Krisenregionen zu verdeutlichen.

Es ist also Vorsicht geboten. Gerade die Kartografie hat sich über die Jahrhunderte zu einer bewundernswerten Kunst entwickelt. Kartografen sind Meister der Informationsdichte. Mit äußerst subtiler Farbwahl, jeweils geringst möglicher Strichstärke und großer gestalterischer Disziplin gelingt es guten Karten, unzählige Information auf wenig Raum zu integrieren.

Die meisten kartografischen Visualisierungen von Geschäftszahlen wirken dagegen linkisch. Pathetisch werden sie dann, wenn sie in einer Tabelle leichter lesbar und damit auch leichter vergleichbar wären.

Mehr zum Thema Vergleichsarten demnächst.

*Michael T. Gastner and M. E. J. Newman (2004) Diffusion-based method for producing density equalizing maps Proc. Natl. Acad. Sci. USA 101, 7499–7504.