Darf man Achsen abschneiden? Ja, man muss!

Ob man Achsen abschneiden darf, ist ein Streitpunkt unter Visualisierern. Dass wir es bei Säulen und Balken nicht dürfen, wissen wir schon. Wie ist es bei Liniendiagrammen?

Im Beitrag zur Deutungspriorität hatte ich behauptet, beide Varianten der Grafik wären grundsätzlich in Ordnung. Auch wenn die Achse abgeschnitten ist, entsteht keine Verzerrung der Verhältnisse. Schließlich stehen in jeder Grafik für sich die Winkel in einem proportionalen Verhältnis zur relativen Wertänderung.

Redesign, Skalierung 0 bis Max

Redesign, Skalierung Min bis Max

Dennoch fordert mancher Visualisierungspromi vehement, man dürfe niemals die Nulllinie weglassen, auch in Liniendiagrammen nicht, weil ja sonst alles völlig übertrieben dargestellt würde. Wohlgemerkt: übertrieben, nicht verzerrt.

Andere, zu denen ich gehöre, sagen: Bei Liniendiagrammen wollen wir den verfügbaren Platz im Sinne größtmöglicher Auflösung für größtmögliche Differenzierung nutzen. Das ist eine weitere wichtige Regel der Diagrammgestaltung. Und die wiederum erzwingt es, die Achse auf den relevanten Wertebereich einzuengen. Die Schwankungsbreite allein bringen wir ohne Grafik in einen schlichten Satz.

Daneben kommt es wie immer auf den Kontext an:

Im Managementberichtswesen dürfen wir darauf vertrauen, dass die Geschäftsführung in der Lage ist, eine beschriftete Skala für ihre eigenen Daten richtig zu deuten.

In einer Werbebroschüre hingegen wird eine Min-Max-Skalierung oft dazu missbraucht, geringe Unterschiede zu dramatisieren.

Leser dieses Blogs werden den Unterschied wohl zu deuten wissen.

3 Replies to “Darf man Achsen abschneiden? Ja, man muss!”

  1. Ich gehöre eher zur „Please start with zero“-Fraktion, kann aber dem Argument der größtmöglichen Differenzierung für Liniendiagramme etwas abgewinnen. Aber wie halten Sie es mit der Darstellung von Indexzahlen als Liniendiagramm, wie z.B. hier ganz unten auf der Seite: http://www.ihk-schleswig-holstein.de/?

    Klar, man könnte die Veränderung zum Vorquartal schön mit einem Balkendiagramm darstellen, aber der Linienzug zeigt den Trend so schön. Durch die Kappung der Y-Achse sieht der Abfall der letzten 3 Quartale allerdings erheblich dramatischer aus und die psychologische Wirkung ist aus meiner Sicher verheerend! Und das von einer IHK ?!?!?
    Ich finde hier sollte der Linieverlauf so dargestellt werden, wie er sich mit einer Y-Achse, die bei Null die X-Achse schneidet, ergibt.

  2. …die Schwankungsbreite ist eben nur ungefaehr 1/6 des Gesamten wie richtigerweise auf der linken Grafik dargestellt. Rechts waere es richtig, wenn wir dann die Schwankungsbreite in Prozent darstellen wuerden….

  3. Nicht immer gibt es ein eindeutiges JA oder ein NEIN!

    Wir wollen nicht verzerren.
    Wir wollen auch nicht übertreiben, sondern etwas aussagen.
    Wir müssen differenzieren, um etwas Relevantes auszusagen.

    Entscheidend ist der Kontext – wir möchten einen Erkenntnis‑ bzw. Entscheidungsprozess unterstützen oder initiieren. Jedoch kennt die pure Visualisierungsmethode den Kontext nicht, und somit auch nicht die Relevanz eines Wertebereichs.

    Relevanz zeigt sich, wenn der Empfänger durch die Aussage einen Erkenntnisgewinn hat, der unmittelbar oder mittelbar zu einer Entscheidung bzw. Aktion führt und dadurch m unternehmerischen Sinn eine Wirkung erzielt wird.

    Für eine Kennzahl, die zwischen 95 und 105 schwankt, schon die Veränderung eines 1/10 Punktes zu einer Aktion/Entscheidung führt, ist der Wertebereich inklusive der Nulllinie eher nicht relevant, daher nicht adäquat.

    Die adäquate Skala ist in diesem Sinne abhängig vom Kontext, der durch einen Erkenntnis‑ bzw. Entscheidungsprozess erzielbaren Wirkung. Differenzierung ist erlaubt. Ich gehe sogar so weit, dass eine Übertreibung im Sinne von Hervorhebung erlaubt sein muss, wenn aufgrund einer sehr kleinen Veränderung eine sehr grosse Wirkung erwartet bzw. erzielt wird.

    Das führt mich abschliessend zur immer wiederkehrenden Erkenntnis, dass viele rein methodische Diskussionen im Umfeld Business Intelligence den betrieblichen Kontext suchen, strukturieren, verstehen und einbeziehen müssten, um zu einem Ende (oder doch erst dem wirklichen Anfang) zu finden.

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