Frühstück, Direktor!

Der Glaube an Ampelsysteme ist nicht zu erschüttern. Günther Beckstein versuchte damit, Schaden von der BayernLB fernzuhalten. Vergeblich. Jetzt will Franz Josef Nick, Vorstandsvorsitzender der Targobank, verunsicherte Anleger damit beschützen. Wer beschützt uns vor den Beschützern?

Ostern. In Deutschland schien die Sonne, in Südfrankreich regnete es. Ein Tag fürs Museum. Schon länger auf meiner Liste: das Musée National Fernand Léger in Biot. Der etwas düstere Kubismus Légers bzw. was man davon von außen sah, hatten mich bisher abgehalten. Jetzt war es so weit.

Fernand Léger, Les disques dans la ville (1920)
Fernand Léger, Les disques dans la ville (1920): Das internationale Esperanto der Verkehrszeichen und Ampeln ist eine junge Erfindung. Eisenbahn und Auto haben sie uns beschert – und nur im Verkehr funktionieren sie mit der Sicherheit, die ihre Reduktion rechtfertigt.

Drinnen staunte ich nicht schlecht. Léger und viele seiner Zeitgenossen waren inspiriert von Ampeln und Verkehrszeichen. In ihren Werken spiegeln sich Fortschrittsglaube und Signalästhetik. Industrialisierung und Motorisierung sind Aufbruch. Wundervoll. Im Museum.

Kaum zu Hause gab mir jemand den Hinweis auf den Stand im Fall der BayernLB. Da geht es immer noch darum, wer für die desaströsen Geschäfte zur Verantwortung gezogen werden kann oder soll. Schon im Januar äußerte sich Günther Beckstein dazu. Beckstein ist Nürnberger, schon deswegen ziehen wir ihn hier nicht durch den Kakao. Aber seine Bemerkungen im Spiegel-Interview sind zu schön, weil vermutlich symptomatisch, als dass wir sie nicht für unsere Zwecke gebrauchen wollen. Denn laut Spiegel hatte Beckstein ein „Risk-Office“, das ihm die Entscheidungen vorbereitete:

„Ein Ampelsystem hatte der Innenminister seinen Leuten verordnet, Vorlagen zu kennzeichnen: Grün, geht in Ordnung, Gelb Obacht, Rot problematisch. ‚Besser’, grollt Beckstein, ‚hätte man das nicht organisieren können.’“
Quelle: Der Spiegel, 03.01.2011, S. 28, bzw. bei Spiegel Online.

Und weiter:

„730 Mann Risk-Office bei der Bank haben gesagt: ohne erkennbares Risiko. Bankenaufsicht BaFin, Bundesbank, niemand hatte Bedenken. Aber ein paar Politiker sollen seherische Fähigkeiten haben.“

Der Spiegel fragt daraufhin:

„Aber ist es in Ordnung, wenn Bankenaufseher ihre gesetzlich vorgesehene persönliche Verantwortung an den Beamtenapparat ihres Ministeriums delegieren? Wirtschaftsrechtler weisen darauf hin, dass bei privatrechtlich organisierten Banken schon das Nichterscheinen eines Aufsichtsratsmitglieds in der Sitzung als fahrlässig gilt.“

Vor einigen Tagen hat die Bank ihre ehemalige Geschäftsführung auf Schadenersatz verklagt, zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue.

Derweil streitet man in Deutschland, ob Lebensmittel und Anlageprodukte mit Ampeln ausgezeichnet werden sollen. Berlin verhinderte das für Lebensmittel. Bei Finanzprodukten setzt sich die Ansicht durch, dass als erstes der Staat die Finger vom Rating lassen sollte. Die Targobank ficht das nicht an:

„Mit den Farben grün bis rot signalisieren unsere Finanz-Ampeln, wie Laufzeit, Risiko und Rendite zusammenhängen“, sagt Franz Josef Nick, Vorstandsvorsitzender der TARGOBANK. „In Zukunft können unsere Kundinnen und Kunden noch besser erkennen, welches Finanzprodukt für welches Anlageziel am besten geeignet ist.“
Quelle: Pressemitteilung der Targobank vom 13.04.2010.


Produktinformation der Targobank, Stand: 31. März 2011.
Quelle: targobank.de.

Seit dem ersten Juli sind Vorschriften in Kraft, wonach „Verbraucher bei einer Wertpapierberatung ein kurzes, leicht verständliches und werbefreies Produktinformationsblatt erhalten“ müssen. Darin steht u. a., dass der Anleger ein unternehmerisches Risiko bis hin zum Totalverlust eingeht. Und darin steht dann z. B. sehr deutlich:

„Es besteht die Möglichkeit geringer und größerer Kursverluste durch schlechte Managementleistungen, die negative Entwicklung einzelner Aktien oder der Aktienmärkte insgesamt. Über den Erwerb der indirekt durch die Fondsanteile verbrieften Aktienanteile geht der Anleger bezogen auf die einzelnen Aktiengesellschaften ein unternehmerisches Risiko bis hin zum Totalverlust ein. Dies kann durch die Steuerung auf viele Aktienwerte abgemildert werden.“
Quelle: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Beispiel für ein Produktinformationsblatt (Aktienfonds).

Wie nun hängt all das zusammen? Signale faszinieren nicht nur Künstler. Die möglichst knappe Wiedergabe eines Sachverhaltes ist ein Wert an sich, der hier sehr geschätzt wird. Unser Werben für maximale Datendichte legt davon immer wieder Zeugnis ab. Oft wiederholt haben wir auch unsere Sorge, dass Verantwortung da bleiben muss, wo sie hingehört: auf der Ebene der Entscheider, anderenfalls machen wir sie zu Frühstücksdirektoren. Eben da scheint das Missverständnis zu liegen. Verantwortung kann nicht delegiert werden. Ein Manager darf nicht fragen: „Wie riskant ist das?“, sondern muss fragen: „Welche Risiken gehen wir ein?“. Becksteins „Risk Office“ musste beschreiben, das Management bewerten.

Auf dem Weg nach Hause stehe ich kurz vor der Garageneinfahrt regelmäßig an einer meist roten Ampel. Auch spät in der Nacht, wenn dort nur alle paar Minuten Gegenverkehr ist. Man meint, die Straße dort komplett einsehen zu können. Bei Licht betrachtet verdeckt der Pfeiler einer Unterführung aber die entscheidenden Meter. Wie gut, dass ich darüber nicht nachdenken muss.