Bewegende Mittel zum Zweck

Animation bewegt Daten und Gemüter. Größte Aufmerksamkeit ist uns sicher. Doch hält auf den zweiten Blick, was den ersten gefangen hat? Noch mehr als sonst kommt es auf das Zusammenspiel zwischen Präsentierendem und Präsentiertem an.

Hans Rosling zeigte in einem hoch gelobten und beeindruckenden Vortrag auf der TED-Konferenz 2006, wie sich Familiengröße und Lebenserwartung in den Ländern der Erde verändert haben. Galt früher für den Westen „langes Leben in kleinen Familien“ und im Rest der Welt „kurzes Leben in großen Familien“, so gilt inzwischen beinahe global nur noch das Erstere. Rosling demonstriert den Wandel mit Hilfe eines Visualisierungsprogramms.

„Debunking third-world myths with the best stats you’ve ever seen“ – Auszug aus dem Vortrag von Hans Rosling vom Februar 2006.

Die Kreisflächen repräsentieren die Bevölkerung. Warum Flächendarstellungen generell problematisch sind, haben wir bereits diskutiert. Die Veränderung der Werte zeigt Rosling mit einer Animation: Die Kreise bewegen sich von Jahr zu Jahr auf die jeweils neue Position, die sich aus dem Wert für Familiengröße und Lebenserwartung ergibt. Vor dem Auge zieht also ein recht buntes, sich bewegendes Durcheinander vorbei.


So zeigte Rosling die Entwicklung von Familiengröße und Lebenserwartung für die Länder der Erde von 1962 bis 2003.

Rosling begleitet die Animation mit einer lebhaften, engagierten, beinahe faustisch anmutenden Beschreibung der Veränderung. Fast wirkt es, als würden die Blasen seinen Gesten folgen und nicht umgekehrt und als wäre die Animation Abbild seiner Gedanken. Was wir sehen, ist nur zu einem geringen Teil der Qualität der Datenvisualisierung zu verdanken, zu einem viel größeren aber der wohl einstudierten Dramaturgie Roslings. Wir lernen daraus mehr, wie man ein Publikum begeistert, als was gute Visualisierung ist.

Schlüsse aus sich bewegenden Objekten zu ziehen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie wird dann am ehesten gelingen, wenn die beobachteten Bewegungen einem halbwegs eindeutigen, wenig zufälligem Muster folgen.

Wir müssen folglich entscheiden, was wir bezwecken wollen – einen Sachverhalt dramatisch in Szene setzen, den wir bereits gut durchdrungen haben, oder einen unbekannten Sachverhalt neu erforschen und selbst begreifen. Was wir sofort verstehen werden, sind Trivialitäten. Weniger einfache Muster werden wir nur erkennen, wenn derselbe Film immer und immer wieder vor uns abläuft. Das ermüdet.

Für die Exploration sind statische Darstellungen besser geeignet. Für die Präsentation hingegen sind schauspielerische Qualitäten und eine pfiffige Animation kaum zu schlagen. In der Reflexion aber mag ein schaler Beigeschmack zurückbleiben. Unser Publikum wird sich fragen: Gab es etwas zu glätten, zu vertuschen, zu dramatisieren, zu beschönigen, zu emotionalisieren – oder stand eine seriöse Botschaft im Mittelpunkt?

Wenn Sie auf einer TED-Konferenz einen Vortrag halten, empfehle ich, Rosling nachzueifern. Schließlich geht es da um Technologie, Entertainment und Design. Für die nächste Aufsichtsratssitzung könnten Aufwand und Ergebnis in einem ungünstigen Verhältnis stehen.

Der Titel der Präsentation verdient eine Präzisierung: Wir haben nicht die besten Statistiken gesehen, sondern eine der besten Präsentationen von Statistiken.