In trockene Tücher gemeißelt

In Wahlkampfzeiten wird uns wieder bewusst: Politik und Phrasen gehören zusammen. Auch Controlling kann Politik sein. Trotzdem wollen wir das Phrasenhafte vermeiden. Ein kleiner Sprachratgeber.

Politiker wie Controller brauchen Partner, Helfer, Mitstreiter, wollen sie nicht nur untersuchen und feststellen, sondern handeln und ändern. Die zu finden und zu überzeugen, ist nicht nur eine Sache der Zahlen, sondern auch ihrer Vermittlung. Damit sind wir beim Thema: Die gleiche Sorgfalt, die wir auf unsere Daten anwenden, brauchen wir auch für die Sprache, mit der wir sie berichten. Ich versuche mich heute an einem kleinen Sprachratgeber.

Martin Zeil (FDP): 'Westerwelle hat Verständnis für uns'. Quelle: merkur-online.de, 03.07.2009.
Anlässlich der vermeintlichen Rettungsaktion bei Quelle wurde viel über trockene Tücher gesprochen. Es ging aber nicht um Tücher.
Foto: merkur-online.de, 03.07.2009.

Angedacht
Wir sollten es vermeiden, etwas anzudenken oder zu fragen, ob jemand etwas schon angedacht habe. Das erinnert an die Zeiten der DDR-Diktatur. Wer etwas nur andachte, konnte sich davon sofort wieder distanzieren. Eine Sicherheitsmaßnahme in unsicheren Zeiten. Inzwischen können wir ungefährdet alles von allen Seiten betrachten, erwägen, durchdenken, beleuchten, untersuchen, analysieren, darin etwas entdecken oder eben feststellen. Wir können sogar etwas planen, organisieren, vorbereiten, konzipieren.

Commiten, im Doing, delivern, executen, umswitchen
Über Denglisch wird viel geschrieben. Dem ist wenig hinzuzufügen. Ein befreundeter Vertriebsleiter sagte einmal zu mir: „Die Sache ist on hold, wir wissen nicht, ob wir überhaupt delivern können, im Executen haben wir noch Nachholbedarf“. Der Mann ist Österreicher und sprach den Satz obendrein in liebenswürdigstem Wienerisch.

Einstielen, aufsetzen, aufgleisen, ausrollen, eintüten
Viele neudeutsche Verben strotzen nur so vor Tatendrang und sind nachgerade heroisch. Ernst gemeint, ist ihr Mangel an Präzision verzeihlich. Hört man sie zu oft und passiert dann nichts, wird man misstrauisch.

Platzieren, eng mitführen, zeitnah
Bei manchen Worten ist fehlende Genauigkeit ärgerlich. Was genau ist geschehen, wenn der Außendienst ein Produkt platziert hat? Wurde es nur erwähnt, vorgeführt, angeboten oder gar bestellt? Wann soll etwas passieren? Fault etwas in einer Liste unerledigter Aufgaben bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag vor sich hin oder gibt es einen Termin? Hat man etwas delegiert oder selbst in die Hand genommen? Jede Organisation ist auf ein Mindestmaß an Verbindlichkeit angewiesen.

Für die Sprache gilt Ähnliches wie für gutes Business Intelligence: ernsthaft, sachlich, bescheiden soll sie sein. In zwei Wochen mehr davon.

2 Replies to “In trockene Tücher gemeißelt”

  1. Hallo,

    Hilmar Kopper ist m.E. nicht zu schlagen.

    „… jeder muss im job permanently seine intangible assets mit high risk neu
    relaunchen und seine skills so posten, dass die benefits alle ratings sprengen, damit der cash-flow stimmt. Wichtig ist corporate‑ identity, die mit perfect customizing und eye catchern jedes Jahr geupgedatet wird!“

    Hilmar Kopper, vormaliger Vorstandsprecher der Deutschen Bank
    Süddeutsche Zeitung März 2007 (www.sueddeutsche.de/kultur/bildstrecke/847/106741/p0/?img=7.0)

    mfg

    Klaus Oberdalhoff

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