Der elektrische Chef (2)

Der Gesichtsausdruck eines Menschen ist ein besonders starkes Signal. Können wir auf dieser Erkenntnis aufbauen, um mit Hilfe von Software die notorischen Mängel in der Mitarbeitermotivation zu beheben? Kann eine animierte Version des Chefs dieselben Gefühle auslösen wie der echte? Fortsetzung unserer Überlegungen zu einem elektrischen Chef.

Blick zurück: Das letzte Mal hatte ich von diversen Begegnungen mit Avataren erzählt. Die stärkste Wirkung hatte eine Videoinstallation von Nassan Tur. Das zentrale Element darin waren überlebensgroße Gesichter. Die Wirkung auf mich ist nicht so erstaunlich. Gesichter und darin zu lesen ist für uns alle faszinierend und unter weniger zivilisierten Umständen sogar eine Frage des Überlebens: Unsere steinzeitlichen Vorfahren waren gut beraten, jeden, der ihnen in der Savanne begegnete, aufmerksam zu mustern und aus Körperhaltung und Gesichtsausdruck auf seine Absichten zu schließen.

Dr. Bissantz langweilt sich
Ein Blick genügt und man weiß: Dieser Zeitgenosse widmet dem Betrachter nicht die geringste Beachtung (Fotograf: Christian Höhn).

Die Evolution hat dafür gesorgt, dass das menschliche Gehirn besonders gut darin ist, nonverbale Signale im Allgemeinen und den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers im Besonderen zu erfassen und angemessen zu interpretieren. Das funktioniert im Guten wie im Schlechten. Wahrhaft faszinierend ist der Impuls, den schon ein schlichtes (echtes) Lächeln auf den Gemütszustand haben kann. Jeder weiß, was einem das Lächeln einer geschätzten Person bedeutet, und sogar von wildfremden Menschen lässt es uns nicht kalt. Umgekehrt gilt: Wenn wir der Auslöser für das Lächeln sind, sind wir stolz und uns ist auch zum Lachen. Jemanden zum Lachen zu bringen, ist geradezu ein Wert an sich.

Dr. Bissantz lächelnd
Das Lächeln beweist: Jetzt haben wir volle Aufmerksamkeit und sogar Sympathie (Foto: Christian Höhn).

Ich stelle mir einen Bildschirm vor mit dem Gesicht des Chefs darauf (also wohl mit meinem oder denen der anderen Führungskräfte). Der Bildschirm steht ein paar Meter entfernt, aber immer, wenn man von der Arbeit aufblickt, sieht man es. Das erinnert von der Ferne ein bisschen an den Brauch in Diktaturen, überall das Bild des Diktators aufzuhängen. Die folgenden Überlegungen benötigen aber keinen diktatorischen Gefühlshaushalt, sondern verlangen viel Humor und Selbstironie von der Unternehmensführung. Jedes Mal nämlich, wenn ein Arbeitsfortschritt gelingt, ändert sich das Bild. Der Arbeitsfortschritt muss zählbar sein. In unserem Unternehmen gibt es wie in jedem anderen auch viele Möglichkeiten dafür: erledigte Punkte aus der Aufgabenliste, eingehaltene Publikationstermine, gelöste Kundenprobleme, abgearbeitete Programmänderungen, Akquisitionserfolge, erledigte Projektschritte, Anrufe, E-Mails und vieles andere mehr.

Dr. Bissantz begeistert
Es scheint, wir haben einen Treffer gelandet: Die Begeisterung ist groß (Foto: Christian Höhn).

Um auch dem Betriebsrat seine Sorgen zu nehmen, vereinbart man die Ziele mit seinem Chef-Avatar persönlich. Die Parametereinstellungen dazu lesen sich etwas ungewohnt: „Schenk mir jedes Mal ein Lächeln, wenn ich einen Supportfall abschließen konnte“ und „Schenk mir ein breites Lachen, wenn ich zehn geschafft habe“.

Warum könnte das funktionieren – ein simulierter Chef, der Anerkennung schenkt? Weil der menschliche Gefühlshaushalt keinen großen Unterschied macht zwischen Vorstellung und echter Erfahrung. Den Beweis kennt jeder: Vorfreude ist die schönste Freude, sagt man. Die intensive Vorstellung eines Erlebens kann die Erfahrung des Erlebens sogar übertreffen. Manchmal ist die Freude auf den Urlaub größer als die Freude am Urlaub, und je länger er zurück liegt, desto schöner wird er. Das ist gut so, denn Vorfreude macht Anstrengungen leichter. Weil im Leben viel Anstrengung nötig ist, ist unser Gehirn großzügig darin, Freude zu produzieren. Die realen Verhältnisse, Fakten, Beweise spielen in diesem Mechanismus keine große Rolle.

Wie gut die vom Computer simulierte Anerkennung funktioniert, probieren wir im eigenen Unternehmen aus. Ein Termin, um Chef-Emotionen abzufilmen, ist schon vereinbart, die Hardware bestellt, die Entwickler sind an der Arbeit. Unsere Fortschritte: demnächst in diesem Blog.