Zeit für Bullet Time?

Statistische Daten zu animieren, ist nicht ohne Tücken. Dennoch: Die Steigerung von Foto ist Film. Wir wollen näher ran ans Geschehen, wir wollen Ergebnisentstehung begreifen und nicht nur Ergebnis. Eine Idee dazu aus Hollywood.

Erinnern Sie sich an den Film „Matrix“? An die Schießerei auf dem Hochhausdach? Böse Agenten in schwarzen Anzügen schießen auf Keanu Reeves alias Neo. Der weicht aus, knickt in den Knien nach hinten ab, als würde er fallen, die Aufschläge seiner Jacke bauschen sich im Sturm der Hubschrauberflügel, die großkalibrigen Patronen der Agenten bohren Luftkanäle und verfehlen den Helden. Das sehen wir aus der Perspektive einer rasend schnellen Kreisfahrt um die Szene herum, in tausendstel Sekunden seziert, eingefroren und für die entscheidenden Momente auf eine Bildgeschwindigkeit reduziert, die uns die Flugbahn der Geschosse verfolgen lässt, als seien es schwach geschlagene Tennisbälle.


Maximale Zeitlupe: Den „Helipad Fight“ sehen wir in „Bullet Time“. Patronenkugeln werden so langsam, dass wir sehen, welchen Weg sie nehmen und wie Neo ihnen ausweicht.

Der Aufwand, den Hollywood für derartige Effekte treibt, ist enorm. John Gaeta war für die Spezialeffekte in Matrix zuständig und er bekam einen Oscar dafür. Sage und schreibe 120 Einzelbildkameras und zwei Filmkameras stellte er rund um die Szene auf. Aus dem damit gewonnenen gewaltigen Bildmaterial wurde anschließend am Computer die Kamerafahrt künstlich generiert.


Großartige Wirkung, enormer Aufwand: John Gaeta, Meister der Spezialeffekte, brauchte 122 Kameras für den Helipad Fight.

Weitaus weniger Aufwand ist nötig, um statistische Daten zu animieren. Ted Roslings berühmt gewordene Animation von Zahlen zur Entwicklung der Dritten Welt ist ein Beispiel dafür. Wir hatten seinerzeit daran herumgemäkelt. Warum kommen wir dennoch auf das Thema zurück?

Controlling wird dominiert von Ergebnisdaten. Das ist nicht verkehrt, Leistung wird am Ergebnis gemessen. Solange das Ergebnis stimmt: kein Problem. Dennoch bleibt bei misstrauischen Gemütern eine Unruhe zurück, die bei Frohnaturen erst dann eintritt, wenn das Ergebnis nicht mehr stimmt. Mikromanager, Kontrollfreaks und Erbsenzähler, deren erklärte Fans wir hier sind, fragen früher: Wenn ich nur das Ergebnis kenne, aber nichts über dessen Entstehung weiß, was ist dann mein Job hier? Es gehört zur Ironie moderner Konzernbürokratie, dass vielerorts der Vorstand sehr viel später als die Facharbeiterschaft Bescheid weiß. Macht nichts, sagt mancher, dafür gibt es doch Delegation. Würde nichts machen, rufen wir zurück, wenn Delegation so einfach wäre. Darauf kommen wir hier ein anderes Mal ausführlich zurück. Wir meinen: Führung muss ran an die Details, so früh es geht, so genau es geht. Zur Genauigkeit gehört das Verständnis der Abläufe. Ein alter Hut, so fing die Industrialisierung an. Neu und aufregend wird die Sache, wenn wir uns die Technik zunutze machen, um Prozesse zu durchdringen, die sich nicht durch Hinsehen allein beobachten lassen. Dabei sind wir durchaus stolz, dass wir statistische, sprich verdichtete, Daten so animieren können, dass Entwicklungen nicht nur statisch, sondern auch dynamisch visualisiert werden.


Großartige Wirkung, geringer Aufwand: Animation, Beschleunigung und Verzögerung helfen auch im Umgang mit statistischen Daten. Exploration ist das aber noch nicht. Quelle: DeltaMaster.

Aber, wie bei Roslings Daten auch, müssen wir umsichtig ans Werk gehen. Es drohen alle typischen Gefahren: Kennzahlen beschreiben Daten mit Verteilung, Konzentration, Auffälligkeit, aber zeigen selten Ursachen. Wenn der Weg zu einem Ergebnis ein Muster zeigt, neigt man dazu, einen Trend zu sehen und den noch beliebig zu verlängern. Die größte und selten durchschaute Gefahr ist die von Zirkelschlüssen. Die am meisten angeklickte Seite in einer Webstatistik ist nur dann die beliebteste Seite, wenn man etwas über die Reaktion der Surfer weiß. Aus ihrem Verhalten allein ist die Beliebtheit nicht abzuleiten.


Enorme Wirkung, mittlerer Aufwand: Bullet Time für das Studium interaktiver Prozesse. Hier wird gerade eine Monitorwand dafür installiert.

Auch aus diesem Grund fanden wir es aufschlussreich, unsere Idee der Bullet Time an Web‑ und anderen Prozessdaten auszuprobieren. Alle Abläufe, die wir beobachten, spannen wir auf einen Zeitstrahl. An der Zeit können wir beliebig drehen. Nach Bedarf laufen alle Vorgänge in wenigen Sekunden oder in Echtzeit parallel vor uns ab. Bei den Webdaten könnte man sagen, wir sehen den Besuchern über die Schulter. Der Effekt ist verblüffend. Wir verstehen die Nutzer einer Website, wie ein Supermarktbesitzer seine Kunden verstehen würde, wenn er aus der Vogelperspektive tagelang die Kundenlaufwege beobachtete.

Im Film Matrix hatten die Maschinen die Weltherrschaft übernommen. Menschen wurden nur noch als Energielieferant benötigt. Dazu steckten sie isoliert in kleinen Kapseln mit einer Nährlösung. Ihre Gehirne waren mit einer Softwaresimulation verbunden, die ihnen eine normale Welt vorspielte. Im Film hat man die Wahl: Man kann die bittere „Pille der Wahrheit“ schlucken. Dann durchschaut man die Matrix, sieht, in welch elendigem Produktionsprozess man gefangen ist, wird zum Rebellen und muss kämpfen. Mit der süßen Pille bleibt alles so elend, wie es ist, aber man behält die Illusion einer intakten Welt. Wenn Sie morgen mit Ray Ban und im schwarzen Anzug ins Büro kommen, wissen Ihre Kollegen: Sie haben sich entschieden.