Und noch immer kann man keinen Fisch in ein iPad wickeln

Aus die Maus? Machen iPad und iPhone ihre Nutzer zu Computer­analphabeten, weil nur noch bedient wird, was mit dem dicken Daumen bedient werden kann? Ist das gut fürs Business Intelligence oder schlecht? Kommt darauf an, wie konsequent man ist.

Demnächst in Berlin wollen wir über „Emotionale Managementinformation“ sprechen – auch deswegen, weil im Business Intelligence alle Mühen mit Datensammlung, –speicherung, –aufbereitung und –präsentation für die Katz sind, wenn die Daten nichts bewirken. Um Wirkung zu erzielen, müssen wir nicht nur das Hirn, sondern auch das Herz des Empfängers erreichen. Gefühle bewerten nämlich und helfen damit bei der Entscheidung, wofür das knappe Gut Lebenszeit in jedem Augenblick verwendet wird. iPhone und iPad laden Berichte emotional schon deswegen auf, weil das Medium ein Sympathieträger ist. Damit Berichte dann aber halten, was das Medium verspricht, müssen wir das dazu passende Format erfinden. Das ist nicht ohne Tücken fürs Business Intelligence.

Quelle oben: Bissantz
Fingerbedienung versetzt uns an den Anfang der Evolution zurück, als Werkzeuge erst im Entstehen waren. In ein ähnlich frühes Stadium der Evolution von Business Intelligence können wir damit auch zurückfallen, wenn wir zu naiv an die Sache herangehen.

Ein Teil der emotionalen Wirkung von Daten hat mit der Verantwortung für die Daten zu tun, also damit, was dem Leser widerfährt, wenn die Daten erfreulich oder unerfreulich sind. Ob der Empfänger von Daten überhaupt zum Leser wird, das hat viel mit ihrer Präsentation zu tun. Die Voraussetzungen der Präsentation ändern sich gerade dramatisch und damit wächst einmal mehr die Gefahr, dass es sich im Business Intelligence auf dem letztem Meter entscheidet, ob alle Mühe der Datensammlung, –speicherung, –aufbereitung und –präsentation für die Katz ist. Warum das so ist:

1. Aus die Maus? – Die Facebook-Generation und damit die zukünftigen BI-Anwender wachsen auf mit Fingerbedienung auf mobilen Geräten. Leute wie Sie und ich hingegen haben noch viel Erfahrung mit der Maus. Wir kennen Rechtsklick, Kontextmenüs, Tooltips. Uns kann man getrost umfangreiche Funktionalität dort anbieten, wo wir sie erwarten – beinahe pixelgenau, aber verdeckt. Das wird für künftige Generationen von Computerbenutzern so möglicherweise nicht mehr gelten.

2. Fingerbedienung ist ein Problem, keine Lösung – iPhone und iPad haben einige typische Inter­aktionen mit Computern vereinfacht. Das wiederum hat die Erwartung verändert, wie einfach alle Interaktion mit Computern sein kann. Darin steckt aber ein Denkfehler: Fingerbedienung ist nicht per se einfach, sondern es ist eine große Designleistung, wenn sich etwas mit dem Finger angenehm bedienen lässt. Viele schlechte Apps zeigen, dass Fingerbedienung mehr Aufgabe denn Lösung ist. Selbst einige gängige Apps von Apple selbst sind weit von der Eleganz entfernt, mit der sich der Sperrbildschirm öffnen lässt. Man könnte meinen, Steve Jobs selbst habe über die Gestaltung des Einstiegs ins iPhone gewacht. Tiefer im Betriebssystem oder schon bei Apps wie iPhoto oder Numbers dreht sich das Bild: Man spürt genau, wo die Entwickler mit den Restriktionen weniger gut klar kamen. Dem Zauber von Apples mobilem Betriebssystem iOS tut das keinen Abbruch – vieles, was nervt, wird vom Gros der Anwender nicht genutzt. Im Business Intelligence können wir uns auf diesem Zauber aber nicht ausruhen: Nur, wenn BI auf iOS sich so geschmeidig bedienen lässt wie die guten Seiten von iPhone und iPad, wird man die Empfänger erreichen.

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Einmal schieben, gleiten sehen, vier Mal tippen, schon ist es bereit. Im Betriebssystem des iPhone spürt man, wie schön Fingerbedienung sein kann – in den meisten Apps aber auch, wo die Grenzen liegen.

3. Blättern ist keine Interaktion – „Information at your fingertips“ galt lange als Vision für die Managementinformation. Damit meinte man vor allem flexible Interaktion und Datenabfragen nach Wunsch des Anwenders. Beides passt schlecht aufs iPad und noch schlechter aufs iPhone. Bei näherer Betrachtung zeigt sich: Aus den Sympathie­trägern werden Krücken, wenn die anstehende Aufgabe nicht im Wesentlichen durch wischendes Blättern per Finger und rollendes Auswählen per Daumen zu erledigen ist. Weil der Finger überall auf dem Bildschirm sein darf, blättert es sich auf dem iPad sogar leichter als in einem Buch – zumindest zur jeweils nächsten Seite. Es sind immer wieder solche überraschenden Hebel, von denen die vorbildliche „user experience“ auf iPhone und iPad lebt: wenig menschliche Aktion, viel passende maschinelle Reaktion. Der Haken für das Business Intelligence ist aber: Wenn weiter gewischt wird, muss man weiter denken dürfen, sprich: das gerade betrachtete Thema abhaken und zum nächsten gehen. Auf den immer größer werdenden Bildschirmen im Büro bekommt man mehrere Seiten nebeneinander. Braucht es für ein Thema mehr als eine Seite, ist das inzwischen also kein Problem mehr. Ergo funktioniert nicht immer alles auch mobil, was im Büro funktioniert, selbst wenn alle Interaktion auf das Blättern beschränkt ist. Der Aufwand für das Design gleichen Inhalts auf verschiedenen Medien kann BI-Truppen gründlich fordern. Das iPhone ist dabei besonders sperrig. Wirklich passend sind dafür nur Berichte, die sich so in Informationshäppchen zerlegen lassen, dass sie beim Scrollen mit dem Daumen ebenso viel Sinn ergeben, wie das mit der Wetter-App gelingt. Mit einem für den PC-Bildschirm tauglichen Format hat das dann nichts mehr zu tun. Eine Ausnahme stellen gut gelernte Berichte für hoch involvierte Leser dar. Kennt man das Format auch größer, z. B. vom PC, und weiß bereits, wo man hinsehen muss, kommt man mit dem Zoomen per Fingerspreizgeste zurecht. Aber so ist es immer: Was gelernt ist und unbedingt interessiert, könnte man auch per Hand gemalt und per berittenem Boten schicken.

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Flüssiger geht es nicht, exakt so wenig Aktion des Nutzers wie möglich, exakt so viel Reaktion des Systems wie nötig:
Ein Leuchteffekt lenkt die Aufmerksamkeit auf die Entsperrtaste und zeigt die Richtung der nötigen Wischbewegung.

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Wo die Uhrzeit stand, heißt es jetzt „Code eingeben“, das numerische Tastenfeld fährt herein, die vierte Zahl wirkt als Eingabetaste.

4. Form folgt Funktion folgt Inhalt – Im eigenen Unternehmen experimentieren wir für das iPad mit neuen Berichtsformaten, die in einem vorgedachten, eng abgesteckten Rahmen interaktiv sind. Ihre Attraktivität beruht darauf, dass Daten, Empfänger, (mobile) Situation, Aufgabe und Bedienparadigma zu einer genau passenden Applikation verwoben sind. Notwendig dafür ist eine betriebswirtschaftliche Durchdringung der unterstützten Aufgabe bis ins kleinste Detail. Vorbild ist die leidenschaftlich und konsequent designte Sequenz des iPhone-Einstiegs. (Dieser Vergleich mag überraschen, bis man sieht, wie jämmerlich andere Weltunternehmen an dieser scheinbar so trivialen Aufgabe scheitern.) Fürs BI gilt daher: Jede Interaktionsfolge mit den Daten muss zu exakt der Variation von Inhalt und Form führen, die der Anwender intuitiv erwarten darf. Beim iPhone folgt auf das Schieben der Entsperrtaste die Anzeige der Codeeingabe – was sonst? Wenn dieses „Was-sonst-Gefühl“ beim Klopfen und Wischen von Berichten auf dem iPad entsteht, hat man es geschafft. Vorher nicht. Ein solches Berichtsdesign kann nur in enger und engagierter Abstimmung mit dem Anwender gelingen. Das wiederum zeigt, was die Fingerbedienung der Business-Intelligence-Szene letzten Endes an Herausforderung beschert. Um den erreichten Stand in nicht-mobiler Umgebung auf die mobile Umgebung zu übertragen, reicht es nicht, den Medientransfer zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund kann Business Intelligence derzeit zum einbeinigen Spagat geraten. In vielen Unternehmen entfalten die nicht-mobilen Berichte noch nicht die gewünschte Wirkung. Jetzt sollen dieselben Anwendungen auch noch mobil werden, mit Interaktionsparadigmen, die im BI noch nicht voll­ständig verstanden sind, und das vielleicht auf mehreren Plattformen und nicht nativ, also mit Einbußen in der Bedienungseleganz. Unserer Einschätzung nach wird das die Produktivität von BI-Anwendungen zunächst hemmen, bevor Lösungen gefunden sind, die von der Fingerbedienung profitieren. Positiv sehen wir den Vereinfachungsdruck und die Not, sich betriebswirtschaft­lich viel tiefer mit den Aufgaben der Anwender zu beschäftigen, um tatsächlich Systeme vereinfachen zu können. Das ist einigermaßen ernüchternd. Macht nichts, denn nüchtern müssen wir sein, um mit kühl kalkuliertem Design beim Empfänger unserer Berichte die zu den Daten passenden Emotionen auszulösen. Unsere Vorschläge dazu: bald in Berlin.