Entdeckung der Langsamkeit in der Informationskultur

Grafiken in der Größe eines Wortes sind der Meilenstein, der unseren Umgang mit Zahlen und Daten verändern wird.

Verlangsamung als Quelle der Erkenntnis

Sten Nadolny erzählt in seinem berühmten Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ die Lebensgeschichte des Seefahrers Sir John Franklin. Seine Bewegungen und seine Auffassungsgabe erscheinen seiner Umgebung so langsam, dass er für schwachsinnig gehalten wird. Seine besondere Fähigkeit besteht jedoch darin, dass er mit besonderer Gründlichkeit allen Erfahrungen auf den Grund geht. Er lernt, seine Langsamkeit durch Genauigkeit auszugleichen, erwirbt sich Ansehen durch seine präzisen Berechnungen bei der Navigation und ist schließlich in der Lage, durch gründliche Überlegung die Handlungen anderer voraus zu berechnen. Seine Ruhe selbst in größter Not rettet ihn und seine Schiffskameraden mehrfach aus scheinbar ausweglosen Situationen. Er wird zum berühmten Entdecker und Gouverneur von Tasmanien.

Sten Nadolnys Buch lehrt uns, dass Schnelligkeit nicht zum Ziel führt, wenn sie mit Oberflächlichkeit einhergeht, und Langsamkeit die Grundlage von genauem Hinsehen und Gründlichkeit ist.

Sparklines: Die neue Langsamkeit im Controlling

Wortgrafiken oder Sparklines ergänzen Werte um den zeitlichen Verlauf, der ihnen vorausgegangen ist. Sie liefern in der Größe eines Wortes den Kontext zur Beurteilung, der sonst fehlen würde. Eingebettet in Tabellen werden sie langsam und aufmerksam gelesen und liefern dabei einen Gegenwert, der ein Vielfaches des von ihnen beanspruchten Platzes ausmacht. Sie integrieren Grafiken in Texte so, wie es für Galileo Galilei vor mehr als 400 Jahren noch ganz selbstverständlich war, als er seine Saturnbeobachtungen beschrieb.

Das verändert Gestaltungsoptionen ebenso wie Lesegewohnheiten. Es werden Berichte mit einer um Faktoren höheren Datendichte möglich, die auf einer Seite Tausende von Werten integrieren, ohne dass dadurch die Lesbarkeit oder das Verständnis herabgesetzt würde. Im Gegenteil erlaubt erst diese Dichte zahllose Vergleiche, intuitive Mustererkennung und ein tiefes und gründliches Eindringen in den durch die Daten beschriebenen Sachverhalt.

Eine einzige Seite mit Sparklines kann es wert sein, eine vergnügliche Stunde intensiven Analysierens zu investieren, ohne weitere Daten, ein Springen zu anderen Darstellungen oder Interaktionen mit dem Computer zu benötigen.

Controller entdecken die Segnungen der neuen Langsamkeit als Erste

Im Controlling wird diese neue Langsamkeit bereits gut verstanden und überall auf der Welt reduzieren Vorstände, Projektleiter und Controller ehemals auf viele Seiten verteilte Berichte auf eine einzige oder einige wenige Seiten. Das Virginia Department of Health stattet seine öffentliche Aidsstatistik mit Sparklines aus und publiziert sie regelmäßig auf der Homepage des Ministeriums. Für den Finanzvorstand der Hansabank in Estland waren Sparklines eine wichtige Voraussetzung dafür, das bisherige auf PowerPoint-Folien basierende Reporting durch eine einzige gedruckte DIN-A3-Seite zu ersetzen. Bei Bayer HealthCare nutzt man Wortgrafiken, um die Vorstandsberichte datendichter zu gestalten. Bei einer Tochterunternehmung der Telekom bereitet man einen Informationsticker vor, der 300 Controller mit ständig aktualisierten Informationen in Wortgrafikform versorgt.

Erste Fortschritte in Pressepublikationen

Für den Wirtschaftsteil der Tageszeitungen, entsprechende Fachblätter, aber auch für den Sportteil wünscht man sich den gleichen Zuwachs an Gründlichkeit. Erste Beispiele finden sich in der Tageszeitung Huntsville Alabama Times, die eine Baseballgrafik probeweise als Sparkline abdruckte, und in der New York Times, die 218 Basketball-Spiele der New Yorks Knicks in einer gut 30 cm langen Wortgrafik unterbrachte.

Für Zeitungen bedeuten Sparklines eine Erhöhung des Aufwands, daher ist erst in einer sehr viel späteren Entwicklungsphase mit Erfolgen zu rechnen. Innerhalb von Texten sind Sparklines eine grammatikalische Herausforderung, die im hektischen Redaktionsgeschäft gemeistert sein will. Umbrüche innerhalb der Wortgrafik sind schädlich. Einen Satz, der eine Wortgrafik enthält, in letzter Minute zu kürzen oder zu ändern, ist schwierig und bedarf einer sachkundigen Hand.

Die Verwendung innerhalb von Tabellen hingegen ist weitgehend unproblematisch. Hier ist lediglich weitere Aufklärung notwendig und der Eindruck muss sich in den Redaktionen durchsetzen, dass Zeitungsleser durchaus an informationsdichten Darstellungen interessiert sind.

Wirkungen

Die Verwendung von Sparklines schärft den Blick für Daten. Sie ist ein probates Heilmittel gegen die so genannte „Recency Bias“, die sehr menschliche und wahrscheinlich evolutionsbedingte Neigung, die jeweils letzte für die wichtigste Information anzusehen. Angesichts eines Höhlenbärs hilft sie weiter, beim Verständnis von Daten führt sie leicht in die Irre. Sparklines lenken den Blick auf Entwicklungen und die gesamte Bandbreite, die ein Wert in der Vergangenheit aufwies, beides notwendige Voraussetzung für gründliche Überlegung.

Man wünscht sich die Informationsdichte von Sparklines in jeder Zahlenmeldung, die uns erreicht. Was interessiert uns der Umsatz eines großen börsennotierten Unternehmens im letzten Quartal, wenn wir die anderen Quartale zuvor nicht kennen? Wenn Wortgrafiken sich durchgesetzt haben werden, wird auch das Misstrauen steigen, wenn uns singuläre, aus dem Zusammenhang gerissene Informationen präsentiert werden. Der Platzbedarf für den Kontext ist mithilfe von Sparklines derart gering, dass er in jede noch so kleine Pressenotiz passt. Wenn der Kontext fehlt, so werden wir argwöhnen, geschieht das vielleicht mit Absicht oder aus Unkenntnis. Beides wird uns, die wir dann Schnelligkeit schnell für Mangel an Gründlichkeit halten, zu John Franklins im Lesen machen.