Vor allem zeig Deine Zahlen auch mal nicht

Zahlen sind ein Aspekt des Berichtens. Ohne die Zusammenhänge dahinter sehen wir nur soweit sie reichen. Das ist oft zu kurz. Was das mit dem Kampf zwischen Audi und Peugeot morgen in Le Mans zu tun hat.

Die SportAuto haben Bella und ich kürzlich ob ihres Umgangs mit Zahlen und Grafiken durch den Kakao gezogen. Heute hat sie großes Lob verdient. Wurde mir doch eine alte Binsenweisheit des Controlling auf höchst vergnügliche Weise erneut vor Augen geführt: Zahlen sind gut. Manchmal sind keine Zahlen besser. Immer dann nämlich, wenn sie Unterschiede nicht zu erklären vermögen, auf die falsche Spur führen oder schlicht zu banal sind. Naturgemäß glauben wir Zahlen sehr gerne. Ihre scheinbare Exaktheit ist einfach zu verführerisch. Diese Wirkung müssen wir wohldosiert nutzen. Das kann dazu führen, dass eine verantwortungsvolle Berichterstattung sie weglässt oder zumindest nicht in den Mittelpunkt rückt oder die Argumentation darauf gründet.

Überwachung Rennwagen
Bevor man ab morgen die Performance-Zahlen in Le Mans versteht, muss man den Kontext im Detail kennen, dabei helfen Zahlen weniger als gedacht, Bild: Audi AG

Marcus Schurig von der SportAuto ist das vortrefflich gelungen (Heft 6/2008, S. 114–121): Er fasste zusammen, was man für morgen wissen sollte. Morgen nämlich, am Samstag, den 14. Juni 2008, startet um 15:00 Uhr das legendäre 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Anders als bei der noch andauernden Fußball-EM muss man ein Kenner sein, will man der prolongierten Kreisfahrt etwas abgewinnen.

Mein Aha-Erlebnis: Die Zahlen allein helfen dabei kaum weiter. Im Gegenteil. Anwärter auf den Gesamtsieg sind Audi und Peugeot. Die Daten, die ich aus dem Schwestermagazin Auto Motor Sport habe, zeigen: Sowohl der Audi R10 als auch der Peugeot 908 fahren mit einem 12-Zylinder-Dieselmotor. Beide sind 2 m breit und 1 m hoch, haben 81 Liter im Tank, wiegen 900 kg, und sind mit 650 bis 700 PS und 1100 bis 1200 Nm Drehmoment ähnlich stark. Beide haben 5500 ccm Hubraum. Beide arbeiten mit dem gleichen maximal erlaubten Ladedruck von 2,94 bar.

Dennoch sind sie ganz anders. Der Audi ist offen. Der Peugeot ist geschlossen. Der Peugeot ordnet alles der Performance auf der Straße unter. Sein geschlossenes Cockpit erlaubt eine bessere Überströmung, sein flacher bauender Motor einen tieferen Schwerpunkt. Das offene Cockpit des Audi kühlt die Fahrer besser. Es gibt keine Probleme mit der Türsicherheit oder der Effizienz der Scheibenwischer. Der Fahrerwechsel gelingt weitaus einfacher und damit schneller. Peugeot arbeitet mit einem Fahrwerk, das sich weicher abstimmen lässt. Das verbessert die Traktion, reduziert den Reifenverschleiß und die Fahrer können härter über die Abweiser fahren. Der Peugeot ist bei Schäden weniger servicefreundlich, der Audi ist zuverlässiger.

Marcus Schurig hat konsequent auf Tabellen und Diagramme verzichtet. Stattdessen trägt er feinsinnig alles zusammen, was Hinweise auf die Wirkung der Konzepte gibt. Er hält sich an wesentliche Elemente jeder Analyse. Er sucht und vergleicht die Variablen, die eine Rolle spielen, vergleicht sie und stellt Hypothesen zu Ursache und Wirkung auf. Er ist dabei so findig, wie man sein muss, wenn Informationen nur unvollständig vorliegen, denn weder Audi noch Peugeot sind besonders redselig, was ihre Konzepte und Strategien angeht.

Und für uns Berichtemacher gilt: Mit den Zahlen ist es wie mit den Fahrern in Le Mans: Nur im Kontext entfaltet sich ihre Leistung.