Mensch und Maschine

Maschinen bereisen den Mars, spielen Fußball und gewinnen „Jeopardy“. Wir werden demnächst in Berlin fürs Controlling mehr Intuition und mehr Automation einfordern – beides rechnergestützt. Kommt der Controllingroboter? Wollen wir den?

Auf einer langen Autofahrt nach Mailand dachte ich über unser Berlin-Thema „Management zwischen Intuition und Automation“ nach. Hin kam ich problemlos dank meines Navigationssystems, einem von inzwischen überraschend vielen Rechnern im Auto. Ein anderer Rechner allerdings hätte beinahe die Hotelbuchung vereitelt. Die Textkorrektur meines Smartphones tauschte ein schlampiges „hab“ zu einem gut gemeinten „Jan“: „Brauche bitte von Do auf Fr im Hotel … ein Zimmer – Jan schon gemailt, aber keine Antwort. Danke.“ In unserem Sekretariat rätselte man: Wer ist Jan? Welche Buchung im Januar? Als man sich einen Reim darauf machen konnte, war das letzte Zimmer bereits vergeben. Nur die Stornierung eines anderen Gastes in letzter Minute half mir aus der Patsche.


Roboter spielen schon Fußball. Übernehmen sie bald auch das Controlling?
Foto: RoboCup Humanoid League.

Zwischen Bodensee und Bernadino verfolgte ich im Radio eine Diskussion zwischen Neurowissenschaftlern. Im sogenannten Neuromarketing gehen die Hoffnungen besonders weit. Bilder vom Gehirn in Aktion sollen zeigen, welche Produkte von Konsumenten präferiert werden. Unfug, meinen andere Neurowissenschaftler dazu: Man kann Erregungen in Hirnregionen zeigen, aber was sie bedeuten, das muss erst interpretiert werden. Von Menschen. Denn Maschinen können keine Gedanken lesen. Zudem sei der Spielraum bei der Interpretation von Hirnbildern besonders groß, weil die Disziplin so jung ist.

Mir fiel Watson ein, der Großrechner von IBM, der auf die Interpretation natürlicher Sprache trainiert ist. Dieser Rechner hat in der amerikanischen Quiz-Sendung „Jeopardy“ gegen die bisher erfolgreichsten Spieler, Brad Rutter und Ken Jennings, gewonnen. Das Spielprinzip: Zu einer vorgegebenen Antwort gilt es, die passende Frage zu formulieren. Für die Aussage „This name of a boy who can fly can be applied to any emotionally undeveloped man“ wäre die richtige Lösung: „Who is Peter Pan?“ Der Sieg des Rechners im schwach strukturierten Feld der Textinterpretation ist ein beachtlicher Erfolg, der nicht aus dem Ärmel geschüttelt wurde.

Ist Watson unheimlich? Ich finde nicht. Gut gemachte Automation lässt den Rechner clever, sogar intelligent aussehen. Er ist es aber nicht. Künstliche Intelligenz ist Können, menschliche Intelligenz ist können wollen. Maschinen haben weder Ziele noch Wünsche. Maschinen fürchten sich nicht. All das ist Voraussetzung für intelligentes Verhalten. Intelligenz ist nicht wissen und nicht haben, sondern verstehen und tun. Angst vor der Übermacht der Maschine halte ich also für unangebracht.

Daher möchte ich weit mehr Automation im Controlling. Auch weil dort Nachholbedarf besteht. Ein VW Golf ist schneller gebaut, als in vielen Unternehmen der Monatsbericht erzeugt wird. Als Gradmesser dafür, was sinnvolle Automation ist, schlage ich einen Qualitätsmaßstab vor, den ich „verlustfreie Kompression“ nennen möchte. Die Maschine darf navigieren, selektieren und aggregieren, dabei darf aber nicht verloren gehen, was die eigentliche Information ausmacht. Zum Beispiel genügt es nicht, zu einem Gesamtumsatz zu verdichten und dabei nicht mehr auszuweisen, wie breit oder eng sich dieser Umsatz auf Umsatzträger verteilt. „In Ordnung“ bedeutet gar nichts, wenn den Informationsempfängern nicht unmittelbar klar ist, welche Kriterien dafür angewandt wurden. Und natürlich darf und muss sie Regeln kennen und uns davor warnen, wenn wir Dinge schlechter tun, als es Stand der Kunst ist. Für mein eigenes Controlling schätze ich ereignis‑ und zeitgesteuertes automatisches Berichten.

Ich erreichte Mailand, rief zu Hause an und erzählte von der Reise. Ich bekam zu hören: „Verstehe, du willst sagen, Menschen sind unersetzlich, trotzdem brauchen wir Maschinen.“ So kann man es auch ausdrücken.