Man kann immer noch keinen Fisch in ein iPad wickeln

Braucht BI das iPad? Form und Inhalt ergeben den Gehalt einer Sache. Wenn die Formfrage zur Plattformfrage degradiert wird, bleibt Inhalt auf der Strecke. Müssen wir das fürchten, wenn jetzt Business-Intelligence-Formate erstmal solange flachgeklopft werden, bis sie auf maus‑ und tastaturlose Endgeräte passen?

Als der Citroën 2CV entworfen wurde, lautete die Vorgabe: Zwei Bauern in Gummistiefeln wollen mit einem Sack Kartoffeln möglichst billig von A nach B. Die Idee wurde ein Erfolg, noch heute gibt es Fans der Ente und aus dem billigen Auto von einst wurde ein kurioses Sammlerstück. Wie teuer, lernte ich, als ich einmal eines der raren Exemplare versehentlich rammte und anschließend die Haube bezahlen musste.

Als das iPad konzipiert wurde, könnte der selige Steve Jobs gesagt haben: Mutter und Kind essen ein Marmeladebrot und sehen dabei Bilder auf der Couch an. Die Idee wurde ebenfalls ein Erfolg, Fans des iPad glauben sogar, deswegen wird alles andere zum kuriosen Sammlerstück – Laptops mit Maus und Tastatur zum Beispiel. Von einem Konzern weiß ich, dass 5.000 seiner Außendienstmitarbeiter in China mit iPads ausgestattet wurden. Besucht werden Bauern, viele davon Analphabeten, in einer staubigen Umgebung.

DeltaMaster-Berichtsmappe in der DeltaMaster ReaderApp auf dem iPad
Wir haben es auch gemacht, damit man nicht sagt, wir könnten es nicht und wären nur deswegen so grüblerisch: BI auf dem iPad. Quelle: DeltaMaster ReaderApp.

Bei einem anderen Konzern entschied der Vorstand, dass alle neuen Applikationen iPad-tauglich sein müssen, auch die fürs Business Intelligence. Ist das Mode oder Vision? Ich unterhielt mich mit dem IT-Chef darüber. Er betrachtet die Entscheidung mit gemischten Gefühlen, will aber den neuen Schwung vor allem für einige Renovierungsarbeiten nutzen, die ohnehin anstehen. Ich fragte ihn, welche Entscheidungen von Führungskräften unterwegs getroffen werden. Dass jemand statische Daten, einen Produktkatalog, seinen Terminkalender, seine E-Mails und dergleichen leicht und handlich dabei haben will, ist ja noch kein Business Intelligence.

Mit einem Anbieter betriebswirtschaftlicher Daten diskutierten wir die gleiche Frage. Er betreibt ein Rechenzentrum, das Marktdaten zu Berichten aufbereitet und an Berater ausliefert, die diese Berichte dann wieder mit Endkunden diskutieren. Wie würde eine iPad-Lösung in einem solchen Umfeld aussehen? Dürfte sie nativ sein und den gesamten Apple-Charme nutzen? Oder müsste man gleich an Galaxy und Co. denken und eine allgemeinere Lösung für alle Tablet-PC anstreben? Auf Kosten von Eleganz, die erfahrungsgemäß nur eine perfekt auf Endgerät und Betriebssystem abgestimmte Lösung bietet? Wie viel Datenverkehr wäre verkraftbar? Müssten alle Berichte vorab aufs Endgerät geladen sein oder dürften etwa Spreizgesten Anfragen ans Rechenzentrum absetzen, z. B. um Detaildaten nachzuladen? Cloud hin oder her, so sagte man uns, auf zu viel Traffic sei man nicht eingestellt. Lieber wische man sich in der Hauptsache durch vorgefertigte Berichte. Die GPS-Funktion nutzen, um zu erkennen, bei welchem Klienten man ist und dann die richtigen Daten laden? Vielleicht später. Eine Idee für die Kamera? Nein.


Samsung präsentierte sein Galaxy mit Funktionen für „Augmented Reality“. Wollen wir Daten der Kostenstelle „Blockheizkraftwerk“ sehen, wenn wir auf dem Firmengelände stehen und die eingebaute Kamera auf den rauchenden Schlot richten? Quelle: eigenes Bild.

Unser Personalchef kam von einer Zugfahrt zurück. Mit seinem Laptop saß er einige Stunden einem Geschäftsreisenden gegenüber, der sein iPad mit nachgerüsteter Tastatur bediente. Er gestand mir, dass ihn die Kombination aus Tipp‑ und Wischbewegungen seines Gegenübers belustigte.

Unsere Berater haben oft beides dabei, Laptop und iPad. Wartezeit wird gerne mit dem iPad gefüllt: Man liest E-Mails oder löscht wenigstens schon mal alle unnötige Post. Das geht auch auf der kurzen Busfahrt zum Flugzeug. Der Betriebswirt stöhnt: Das Gepäck wird schwerer, weil etwas schnelles, handliches zusätzlich dabei sein soll. Geht das nicht intelligenter und mit weniger Kosten?

Seien wir für den Moment weniger kleinlich und fragen uns ausschließlich, ob uns die iPad-typischen Bediengesten des Klopfens, Spreizens, und Wischens im Business Intelligence voranbringen. Erstaunlich: Alles, was die Maus kann, lässt sich durch Fingergesten abbilden. Selbst die pixelgenaue Positionierung. Die Bedienung durch Gesten ist intuitiv, angenehm und schnell gelernt. Aber wollen wir Computerbedienung auf Touchscreens reduzieren? Auf größeren Bildschirmen wäre sie unbequem und würde die Arbeit im Sitzen noch ungesünder machen, als sie es ohnehin ist. Andererseits könnten wir Bildschirme ergonomischer platzieren: Ein Riesen-iPad flach auf dem Tisch vor uns? Warum nicht? Maus und Finger sind also bereits in Konkurrenz zueinander. Verliert einer oder schaffen wir es, Bedienoberflächen für Maus‑ und Fingerbedienung gleichermaßen angenehm zu gestalten? Auf Betriebssystemebene versucht es Microsoft mit Windows 8 ja bereits.

Großbildschirm mit Touchscreen
Sieht es so bald an unseren Schreibtischen aus? „Riesen-iPads“ flach auf der Tischplatte und die Maus kommt ins Museum? Die Damen hier blättern lieber noch analog. Wie lange noch? Quelle: eigenes Bild.

Was lernen wir für die datenbasierte Unternehmensführung aus alledem? Ich finde, das:

Die Begeisterung von BI-Machern für das iPad ist wohl weniger mobiler als taktiler Natur: So viel BI gibt es unterwegs gar nicht. Mit dem eleganten Durchblättern bereits geladener Daten und vorgedachter Berichte dürften wir die allermeisten Wünsche befriedigen können.

Zukünftige BI-Bedienung muss Maus und Finger können. Apple hat uns das mit dem iOS-Betriebssystem für iPad und iPhone gezeigt und ist wieder einmal Vorreiter und Vorbild in der Interaktion. Microsoft macht es nach und verstärkt diesen Trend. Die Interaktion mit dem Computer wird dadurch langfristig angenehmer werden.

Richtiges BI vermisst am iPad vieles, was wir auf ebenfalls sehr mobilen Laptops längst haben: Tastatur, Leistung, Schnittstellen, Industriestandards usw. Dass es jetzt so viel Konkurrenz für das iPad gibt und BI dann eigentlich alle taktilen Endgeräte bedienen muss, kostet die Branche Kraft und Konzentration, die besser in die inhaltliche Weiterentwicklung gesteckt würde.

Das iPad wird irgendwann so kurios wirken wie Citroëns Ente. Unsere Laptops werden dann flacher sein, der Bildschirm so einklappen, dass er zum Touchscreen wird. Maus, Tastatur und Finger werden sich bestens vertragen. Und man wird schreiben: Als das iPad erfunden wurde, lautete die Vorgabe: Mutter und Kind essen ein Marmeladebrot und sehen dabei Bilder auf der Couch an.

One Reply to “Man kann immer noch keinen Fisch in ein iPad wickeln”

  1. Die Bitkom sagt: ‚“Der beliebteste Platz zum Surfen mit dem Tablet ist das Sofa. 92 Prozent der Tablet-Nutzer, die ihr Gerät in den eigenen vier Wänden einsetzen, tun dies auf der Couch. Jeder zweite von ihnen hat es im Garten oder auf dem Balkon dabei oder nimmt es mit ins Bett. An Schreibtisch und Küchentisch wird es von einem Drittel hergenommen. 7 Prozent der Tablet-Besitzer nutzen ihn sogar im Bad.“

    🙂

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