„Die Hälfte der Unternehmen rechnet falsch“

 

Interview mit dem Vater der Deckungsbeitragsflussrechnung Jörg Link

Am 17.10.2006 fand in Nürnberg das weltweit erste Seminar zur Deckungs­beitragsflussrechnung statt. Vertreter von Audi, Nordsee, Sanitop und wolfcraft berichteten über ihre Erfahrungen mit dieser innovativen Methode der Abweichungsanalyse. Höhepunkt der Veranstaltung war der Vortrag vom Vater der Deckungsbeitragsflussrechnung, Professor Dr. Jörg Link von der Universität Kassel. Weitere Eindrücke vermittelt Ihnen das folgende Interview mit ihm.

Bissantz Herr Professor Link, Sie sind Vater der Deckungsbeitragsfluss­rechnung. Ihre erste Veröffentlichung dazu in der ZfB* geht auf das Jahr 1979 zurück. Sie waren damals Controller bei Henkel und hatten Ihrem Vorstand eine Abweichung von 2 Millionen DM zu erklären.

Link Damals entdeckte ich die Bedeutung des Struktureffekts. Die Deckungsbeiträge hatten sich verändert, aber Mengen, Preise und Kosten waren gleich geblieben. Ursächlich war eine massive Verschiebung der Mengen innerhalb des Sortiments zu Produkten mit geringeren Margen.

Bissantz An Ihrem Lehrstuhl wurden mehrere Erhebungen zum Stand der Abweichungsanalyse in den Unternehmen durchgeführt. Was ist das Ergebnis?

Link Dass etwa die Hälfte der Unternehmen eine völlig untaugliche Variante der Abweichungsanalyse einsetzt. Die am weitesten verbreitete kumulative Methode schlägt die entscheidende gemischte Komponente willkürlich der Mengen‑ oder der Preiskomponente zu. Das ist schon insofern Unsinn, als die Rechenergebnisse dabei jeweils völlig unterschiedlich sind.

Bissantz Seminarteilnehmer hatten gefragt, wie man mit dynamischen Sortimenten umgeht, zu denen noch keine Vergangenheitswerte vorliegen.

Link Im Grunde ist das kein Problem. Wenn wir die Abweichungen durch Perioden­vergleich bestimmen, so besteht das Problem nur eine Periode lang. Auf Basis von Plan-Ist-Abweichungen besteht das Problem gar nicht, weil man auch neuen Produkten einen Planwert vorgeben wird. Hat man gar keine Vergleichswerte, sind die Abweichungen dem Struktureffekt zuzurechnen, was ebenfalls zu einer sinnvollen Aussage führt.

Bissantz In der Fachliteratur werden immer wieder Varianten und Verfeinerungen der Flussrechnung diskutiert. Die Zeitschrift für Betriebswirtschaft war zeitweise voller Auseinandersetzungen (siehe im Einzelnen Link 2004, S. 128 ff.) zwischen Ihnen und Ihren Kollegen Albers und Kloock.

Link Für die Praxis ist davon zweierlei relevant. Bei einigen Abweichungen im Detail war ich mir mit Kloock immer einig, dass die kumulative Methode ungeeignet ist. Wir streiten lediglich darüber, ob die gemischte Komponente aufgeteilt werden kann oder nicht.

Bissantz Preise und Mengen hängen über Preis-Absatz-Funktionen zusammen, in der Flussrechnung werden die Effekte aber getrennt betrachtet. Daher schlagen manche vor, Preis-Absatz-Funktionen ins Modell einzubeziehen.

Link Generell sehe ich die Flussrechnung als Ausgangspunkt für intensive Diskussionen. Den Beitrag von automatisierten Lösungen wie in Ihrem DeltaMaster sehe ich übrigens darin, auf Knopfdruck alle relevanten Daten für die Diskussion parat zu haben. Dass man Flussrechnungswerte für alle Bezugsobjektkombinationen haben kann und sich durch dieses Netzwerk bewegen kann, ist für mich faszinierend. Ein Großunternehmen wird es sich leisten wollen, die Mühe der Datenbeschaffung für Preis-Absatz-Funktionen auf sich zu nehmen, und da rate ich auch zu. Im Mittelstand ist das meist anders. Der Vortrag Ihres Kunden Audi hat das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine übrigens schön aufgezeigt.

Bissantz Bei Audi rüsten sich die Controller mit allen relevanten Daten aus der Flussrechnung aus und besuchen ihre „Kunden“, um sie zu beraten.

Link Ja, so muss man den Einsatz in der Praxis auch sehen. Erst das Lernen aus der Abweichungsanalyse schafft die Voraussetzung für die besseren Entscheidungen der Zukunft.

Bissantz Das Beispiel der Deckungsbeitragsflussrechnung zeigt recht anschaulich, wie ich finde, welchen Beitrag Lehrbuchmethoden zur Lösung von Praxisproblemen zu leisten imstande sind. Andererseits scheint es länger als nötig zu dauern.

Link Bei dem mittelständischen Unternehmen Sonor gelang es seinerzeit, mit Lehrbuchmethoden sensationelle Erfolge im Konkurrenzkampf mit japanischen Großunternehmen zu erzielen (siehe im Einzelnen Link/Weiser, S. 333 ff.). Meinen Studenten mache ich da immer Mut. Betriebswirtschaftslehre ist nicht irgendeine weltfremde Theorie. Wenn man die Erkenntnisse konsequent umsetzt, ist der Erfolg unvermeidbar.

Bissantz Danke für das Interview.